Vertrauenskrise:Wie Deepfakes & KI‑Propaganda
uns auf die Probe stellen

Deepfakes, KI‑generierte Texte und Armeen aus Bots verändern gerade, welche Beziehung wir zu Informationen aus dem Netz haben. Für die Meinungsbildung, den freien Diskurs und die Demokratie ist das keine gute Nachricht.

Porträt mit digitalem Glitch-Effekt im Gesicht, Symbol für KI und Desinformation.

Gefälschte Videos haben früher eine enorme Menge an Ressourcen (Spezialwissen, Zeit und vor allem Geld) gebraucht. Man denke etwa an den Deepfake‑Skandal um Yanis Varoufakis und die aufwendige Produktion dahinter. Heute hingegen reicht es, sich einfach einen kostenlosen Account bei einem der vielen KI‑Tools zu erstellen. Innerhalb von ein paar Minuten kann es jeder schaffen, Deepfakes einer gewünschten Person zu erstellen. Egal ob es sich dabei um geklonte Stimmen oder Gesichter handelt. Ganz ohne Vorwissen oder Kosten, als wäre es das normalste der Welt.

Diese Entwicklungen zeigen bereits jetzt ihre ersten Wirkungen und es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie zu einer massenhaften Erosion des Vertrauens führen werden. Denn wir sehen gerade zwei Dinge, die gleichzeitig passieren. Erstens kann schon jetzt nahezu jedes digitale Material gefälscht sein und zweitens beobachten wir, dass die digitale und die analoge Welt immer enger miteinander verwoben sind. Smartglasses, Smartwatches, Smartphones und alle mit Zugriff auf vermeintlich smarte KI‑Assistenten.

Wo immer man hin guckt: Die Grenze zwischen dem Digitalen und dem Analogen wird immer schwammiger. Es kommt zu einer Entgrenzung der Realitätsebenen. Wir leben in der analogen Welt, befinden uns aber längst in einer hybriden Sphäre, in der das Digitale und das Analoge umfassend zusammenwirken. Und wenn die Autorität der digitalen Welt durch das Aufkommen von Deepfakes und Desinformationskampagnen massiv untergraben wird, dann kann dies zu einer nie dagewesenen Erosion des Vertrauens führen. Aber es hat auch konkrete gesellschaftlich‑wirtschaftliche Folgen, wenn böse Akteure KI‑generierte Medien für ihre Zwecke verwenden.

Zwei Beispiele für Desinformationen
und Deepfakes durch KI

Die gefälschte Stimme von Joe Biden

Zwei Tage vor der Vorwahl in New Hampshire im Januar 2024 erhielten tausende Wählerinnen und Wähler einen automatisierten Anruf. Zu hören war eine täuschend echte, KI‑generierte Kopie der Stimme von Joe Biden, die dazu aufrief, in der Vorwahl nicht abzustimmen. Es war einer der ersten dokumentierten Einsätze einer Stimm‑Fälschung in einem US‑Wahlkampf.

Hinter dem Anruf steckte ein politischer Berater. Die zuständige US‑Behörde FCC schlug daraufhin eine Strafe von sechs Millionen Dollar vor, weil bei den Anrufen zusätzlich die Rufnummern manipuliert worden waren. Kurz nach dem Vorfall hat die FCC Anrufe mit KI‑generierten Stimmen ausdrücklich verboten.

25 Millionen Dollar durch einen Deepfake‑Videocall

Anfang 2024 verlor die Hongkonger Niederlassung des aus London stammenden Unternehmens "Arup" rund 25 Millionen Dollar. Ein Mitarbeiter aus der Finanzabteilung hatte zunächst eine verdächtige Mail erhalten, die angeblich vom Finanzchef aus Großbritannien stammte und eine vertrauliche Transaktion verlangte. Dann wurde er sogar zu einer Videokonferenz gebeten. Auf dem Bildschirm sah und hörte er den Finanzchef und weitere Kollegen. Alle bestätigten die Anweisung.

Daraufhin gab er seine Bedenken auf und führte fünfzehn Überweisungen aus. Erst später stellte sich heraus: Niemand aus dem Call war echt. Jede Person war ein Deepfake, mutmaßlich erzeugt aus öffentlich verfügbarem Video‑ und Audiomaterial. Der Fall zeigt, wie eine scheinbar normale Videokonferenz selbst eine gut geschulte Person überlisten kann.

Was bedeutet all das für die Gesellschaft?

Beide Beispiele verdeutlichen auf dramatische Weise, dass KI‑gestützte Täuschung keine theoretische Gefahr mehr darstellt, sondern unmittelbare politische und wirtschaftliche Schäden anrichten kann. Während regulatorische Eingriffe und technologische Erkennungssoftware wichtig sind, stoßen sie bei der schieren Masse an Inhalten schlicht und ergreifend an ihre Grenzen. Was wir hier sehen, ist der Beginn einer Welle an gesellschaftlichen Problemen, die unseren Rechtsstaat und die Demokratie vor gewaltige Aufgaben stellen werden.

Aber die Herausforderungen sind noch deutlich vielfältiger als in den Beispielen. Angefangen bei Armeen aus Bots, die Meinungen auf Knopfdruck herstellen können, über SEO‑optimierte KI‑generierte Websites und Blog‑Beiträge, die in Windeseile Suchmaschinen‑Rankings und damit die Informationsbeschaffung beeinflussen können, bis hin zu Propaganda mit KI‑generierten Medien.

Es versteht sich von selbst, dass dies in demokratischen Systemen eine große Gefahr darstellen kann. Wenn wir nichts mehr glauben können und immer unsicherer werden, welche Informationen wir zurate ziehen können, um uns eine Meinung zu bilden, dann bekommen wir Probleme damit, uns als mündige Bürger in einer Demokratie zu beteiligen.

Ein entscheidender Faktor im Umgang mit generativer KI ist daher neben strenger Regulierung auch der Aufbau von digitaler Resilienz. Also eine systematische Aufklärung über die Gefahren hiervon sowie die Anpassung von Routinen und Gewohnheiten im (digitalen) Alltag. Nur wenn die konkreten Möglichkeiten und Grenzen dieser KI‑Tools wirklich verstanden werden, lassen sich in einem zunehmend manipulierbaren digitalen Raum noch souveräne Entscheidungen treffen und Fälschungen von der Realität unterscheiden.

Wenn Sie sich für dieses Thema interessieren und mehr dazu lernen möchten, komme ich gerne für einen Vortrag zu Ihnen ins Unternehmen oder Ihre Organisation.

Porträt von Niklas Titgemeyer

Niklas Titgemeyer ist Technik‑Soziologe (M. A.) und Keynote Speaker mit Spezialisierung auf Risiken bei der Nutzung von KI‑Sprachmodellen. Auf Sozialen Medien betreibt er Wissenschaftskommunikation mit über 67.000 Followern plattformübergreifend.

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