Risiken bei der Auslagerung
des Denkens an KI

Kritisch denken, sich ein eigenes Urteil bilden und an verlässliche Informationen kommen: Diese Fähigkeiten sind das Fundament einer Demokratie. Aber durch einen unreflektierten Umgang mit KI‑Sprachmodellen können genau diese unter Druck geraten.

Symbolbild: eine menschliche Hand schreibt mit einem Stift, überlagert von einem transparenten Roboterarm, als Sinnbild für den KI-Einfluss auf das eigene Denken.

Die Fähigkeit, sich selbstständig ein Urteil zu bilden, ist kein Luxus. Sie ist ein erklärtes Ziel unseres Bildungssystems und die Voraussetzung dafür, dass freie Bürgerinnen und Bürger an einer Demokratie teilhaben können. Wer Informationen nicht mehr prüfen, einordnen und hinterfragen kann, gibt ein Stück seiner Mündigkeit ab.

Schon 1784 hat Immanuel Kant beschrieben, wie bequem es sein kann, das eigene Denken auszulagern. Ein berühmtes Zitat von ihm lautet: „Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen.“ Dabei wird klar, wie verlockend die Bequemlichkeit ist, das Denken an die KI auszulagern. Und vom Grundsatz her muss es auch nicht problematisch sein, wenn die Maschine uns beim Denken unterstützt. Entscheidend sind die Bedingungen, unter denen das geschieht. In dieser Keynote wird anhand von aktuellen Studien gezeigt, inwiefern die Auslagerung des Denkens eine schlechte Idee für demokratische Gesellschaften ist.

Vier Mechanismen

Es gibt vor allem vier Eigenschaften heutiger Sprachmodelle, die die Auslagerung des Denkens zu einer problematischen Entwicklung machen.

01

Halluzinationen

Sprachmodelle erfinden Fakten. Andauernd. Inzwischen wissen das auch immer mehr Menschen, als in den Anfangsjahren. Aber das Ausmaß dieses Phänomens ist noch lange nicht begriffen worden und stellt eine immense Gefahr in der Nutzung dieser Modelle dar. Das Tückische ist dabei meist nicht nur der Fehler an sich, sondern dass er nicht als Fehler erkennbar ist. Ob nun halluzinierte Quelle, falsche Jahreszahl oder erfundenes Zitat. Alles wirkt wahnsinnig überzeugend. Bis man einen Blick in die Quelle wirft und feststellt, dass es haufenweise Ungenauigkeiten oder Fehlinterpretationen gibt.

02

Vermenschlichung

Wir neigen dazu, Technologien menschliche Eigenschaften zuzuschreiben, wenn Sie uns Ähneln. Da Sprachmodelle eine zutiefst menschliche Kommunikationsform aufweisen, haben wir die starke Tendenz dazu, Sprachmodelle zu vermenschlichen. Wir übertragen deshalb unsere eigenen, menschlichen Erfahrungen und Erwartungen auf sie und gehen unbewusst davon aus, dass sie ähnlich wie wir denken, handeln und Zusammenhänge verstehen. Doch diese Annahme ist ein Trugschluss. Die Intelligenz von Chatbots verhält sich alles andere als parallel zu der unseren.

03

Schmeichelei statt Wahrheit

Sprachmodelle neigen dazu, uns zuzustimmen. Sie bestätigen unsere Annahmen also tendenziell auch dann, wenn sie wissen, dass diese falsch sind. In der Fachliteratur wird dieses Phänomen auch „Sycophancy“ genannt. Der Grund dafür liegt im Training. Denn die Modelle werden so optimiert, dass sie Antworten produzieren, die von Menschen bevorzugt werden. Und wir bevorzugen es, wenn wir Bestätigung erhalten, anstatt dass unsere Weltsicht hinterfragt oder uns gesagt wird, dass wir falsch liegen. Und jedes KI‑Modell, das Sie benutzen, ist sich dieser Präferenz im Klaren und verhält sich dementsprechend. Denn eine unerwünschte Konsequenz des Trainings ist es, dass es Antworten erstellen soll, die uns als Menschen zufriedenstellen.

04

Blindes Vertrauen

Die Zuverlässigkeit dieser Modelle ist aber nur ein Teil des Problems. Ein weiterer Faktor bleibt das Vertrauen der Menschen in diese Systeme, das in Kombination mit der Nutzung ein Risiko darstellt. Viele übernehmen die Ausgaben eines KI‑Sprachmodells einfach ungeprüft. In einer großen internationalen Befragung gaben zwei Drittel der Beschäftigten an, sich bei der Arbeit schon auf KI‑Ergebnisse verlassen zu haben, ohne sie kritisch zu prüfen. Das kommt nicht von irgendwo: Fast die Hälfte der Arbeitnehmer befürchtet, abgehängt zu werden, wenn sie KI nicht nutzen. Dieser Druck befördert einen sorglosen Umgang und ist der Beginn eines Teufelskreislaufs. Wenn Sie mehr dazu erfahren wollen, dann lassen Sie uns gerne in den Austausch wegen einer Keynote gehen!

Wo das im Alltag gefährlich wird

Die Folgen bleiben nicht abstrakt. Sie zeigen sich überall dort, wo Menschen wichtige Entscheidungen auf KI‑Antworten stützen. Bei medizinischen und rechtlichen Fragen. Bei Ernährung und psychologischer Hilfe. Bei der Einordnung von Nachrichten, bei Bewerbungen und bei Aufgaben im Berufsalltag. Und nicht zuletzt im Journalismus und in der Wissenschaftskommunikation.

Die aufgezeigten Bedingungen sind deshalb eine fatale Grundlage für eine umfassende Auslagerung des Denkens an die KI. In einer Demokratie, deren Grundbedingung die Autonomie des Individuums ist, das sich eine eigene Meinung bilden soll, muss die gegenwärtige Tendenz daher kritisch diskutiert werden.